[...] Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) beklagt [...] eine zunehmende Gewaltbereitschaft bei Fußballfans. Zu den jüngsten Attacken von Hooligans sagte er: "Das hat eine neue Qualität. Wir müssen mit Strafen und Repressionen dagegen vorgehen." Im Jahr 2008 wurden nach Angaben des Innenministeriums in der Bundesliga und Zweiten Liga insgesamt rund 350 Straftaten von Fans begangen, in der Dritten Liga waren es noch einmal genauso viele [...]
[...] Der deutsche Fußball debattiert über Fan-Gewalt, Politik und Polizei fordern ein hartes Eingreifen. Doch woher kommt die Gewalt? Was passiert in den Kurven? Sind die Ultras der Grund allen Übels? Michael Gabriel, 46, leitet die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS). Sie wird vom Bund und dem DFB finanziert, ist bei der Deutschen Sportjugend angesiedelt und berät im Rahmen des Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit (NKSS) die Fan-Projekte in Deutschland.
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Gabriel: Die auf den Rängen erwarten, dass die auf dem Platz gefälligst Ergebnisse abliefern, den Stadionbesuch zum Event machen. Umgekehrt erwarten die Spieler, dass die Fans sie immer anfeuern. Letztendlich interessieren sich Profis und Vereinsvertreter meistens nicht die Bohne für die Menschen in der Kurve.
sueddeutsche.de: Dieses Desinteresse ist aber nicht neu.
Gabriel: Aber trotzdem falsch. Die Fans reagieren darauf, indem sie sich immer weniger für das Spiel interessieren.
sueddeutsche.de: Warum gehen sie dann ins Stadion?
Gabriel: Immer mehr um ihre eigene Party zu feiern.
sueddeutsche.de: Das betrifft vor allem die sogenannten Ultras. Sind diese Gruppen der Grund allen Übels?
Gabriel: [...] Sie sind vielleicht die Avantgarde für eine tiefergehende Entwicklung [...]
sueddeutsche.de: Sie haben den Eindruck, man schiebt die Ultras gerne vor?
Gabriel: Die Ultras sind die Sichtbarsten, im positiven Sinne durch ihre Präsenz in den Kurven. Und im negativen Sinne: Sie gehen am weitesten in ihren Forderungen und Drohungen.
sueddeutsche.de: In dem bundesweiten Ultra-Heft Blickfang Ultra erschrickt man bisweilen über die Verherrlichung der Gewalt.
Gabriel: Zurecht, und diese breite Akzeptanz bereitet uns Sorgen. Große Teile der Fanszene tolerieren ein Verhalten, dass mit positiver Fankultur nichts mehr zu tun hat: Schals klauen, Fahnen klauen, andere Gruppen oder Fan-Treffs angreifen - da machen viel zu viele Leute mit. Vor allem in der Ultra-Szene. Wenn Rainer Koch (Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes, Anm. d. Red.) sagt, dass Woche für Woche schwere Straftaten begangen werden, dann kann man dem kaum widersprechen.
sueddeutsche.de: Warum schützen die Fangruppen Straftäter in ihren Reihen und distanzieren sich nicht von ihnen?
Gabriel: Der Druck von außen auf die Fanszene ist groß. Alle verorten den gemeinsamen Feind außen, weshalb die Bereitschaft, sich selbst kritisch zu hinterfragen, nicht sehr ausgeprägt ist. Einige sprechen es an, werden aber immer weniger gehört.
sueddeutsche.de: Welcher Feind?
Gabriel: Die Fankultur sieht sich von zwei Seiten bedroht: Erstens durch die Kommerzialisierung des Fußballs. Die TV-Vermarktung steht an erster Stelle, dann kommen die Logen, die Business-Seats, die Bandenwerbung etc. Die Interessen der Stadionbesucher, der Fans , die dem Spiel die Emotionen geben, fallen zunehmend hinten runter.
sueddeutsche.de: Was wollen die Fans von den Klubs?
Gabriel: Ernst genommen werden und zuverlässige, authentische Kommunikation. Der Verein soll sich für die Menschen in der Kurve interessieren. In den Choreografien der Ultras etwa steckt viel Arbeit, Zeit, Liebe drin - das ist eine unglaubliche Leistung. Die Klubs haben das bis heute nicht verstanden. Warum geht kein Klub-Vorsitzender zu den Ultras und bedankt sich für deren Engagement, erkundigt sich, wie das gemacht wurde, was da für ein Aufwand drinsteckt? Dann würde er in der Fanszene auch ernst genommen werden.
sueddeutsche.de: Als zweiter Gegner bleibt vermutlich die Polizei.
Gabriel: Würden sich Klubvertreter mit der Lebenswelt der Fans auseinandersetzen, würde sie erkennen, welch enormer Druck von der Polizei auf die Szene wirkt und was das auslöst. Sie würden sehen, dass es bei Randalen meist nicht nur eine Wahrheit gibt, die in der Regel die Polizei über Pressemitteilungen an die Öffentlichkeit kommuniziert. Auch die Polizei kann Fehler machen und überzogen vorgehen. Klubvertreter würden realisieren, dass sie sich dann vor ihre Fans stellen müssen.
sueddeutsche.de: Das passiert aber nicht.
Gabriel: Und deshalb werden diejenigen in der Fankurve bestätigt, die dafür stehen, dass man sich wehren muss gegen Polizei und Ordnungsdienst. Es werden nicht die positiven Kräfte der Fankultur unterstützt.
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sueddeutsche.de: Innenminister Thomas de Maizière fordert harte Maßnahmen gegen die Gewalt rund um den Fußball.
Gabriel: In vielen Aussagen aus Politik und Vereinen wird eine ganz große Hilflosigkeit deutlich. Dort versteht man das Phänomen der Fankultur nicht, weshalb man dazu neigt, einfache Lösungen zu fordern. Die Ergebnisse aus der Innenministerkonferenz haben uns schon überrascht, weil wir dachten, die Politik sei weiter. Der Vorschlag, die Tickets zu personalisieren wie bei der WM 2006 passt überhaupt nicht zur Lage. Es gibt keine Probleme in den Stadien, sondern außerhalb.
sueddeutsche.de: Was kann man da unternehmen?
Gabriel: Erstens erleben wir keine überraschende Entwicklung, sondern die Situation hat sich seit längerem entwickelt. Mit Schnellschüssen wird man da nichts lösen. Repressive Maßnahmen verschärfen die Situation, weil das Wasser auf die Mühlen der Gewaltbereiten ist.
sueddeutsche.de: Haben Sie die Entwicklung erwartet?
Gabriel: Die Fanprojekte warnen schon seit vielen Jahren. Der Verdruss unter den Fans staut sich seit längerem auf. Zum Beispiel beim Thema Stadionverbote: Wenn Vereine auf Vorschlag der Polizei ein bundesweites Verbot aussprachen, gaben sie den Fans lange Zeit nicht einmal die Möglichkeit, sich zu den Vorfällen zu äußern. Unter den Fans war bekannt, dass an einigen Orten vom Verein blanko unterschriebene Stadionverbots-Formulare bei der Polizei in der Schublade lagen und die Beamten nur noch den Namen eintragen mussten. Einmal schlug die Berliner Polizei nach einer Auseinandersetzung zwischen zwei Personen 21 Fans für Stadionverbote vor. Als Union Berlin damals die Leute anhörte, musste der Klub feststellen, dass einige Personen nicht mal beim Spiel waren. Die Vereine müssen verstehen, was Stadionverbote für junge Menschen bedeuten, damit muss man sehr sorgfältig umgehen.
sueddeutsche.de: Was bedeutet ein Stadionverbot?
Gabriel: Die Zugehörigkeit zur Gruppe ist bei Jugendszenen wie den Ultras enorm wichtig. Die Fanprojekte haben bisweilen Probleme, den jungen Leuten zu vermitteln, dass Schule, Berufsausbildung, Familie wichtiger sind als das Fan-Sein. Da wird Schule geschwänzt, um zu einem Auswärtsspiel zu fahren. Wenn einer aus der Gruppe rausgerissen wird, ohne dass der Verein sich für deine Version interessiert, ist das ein sehr kalter Umgang.
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sueddeutsche.de: Was haben Sie nach dem Urteil des Bundesgerichtshofes erlebt, in dem die bisherige Praxis der Stadionverbote bestätigt wurde?
Gabriel: Aus pädagogischer Sicht war das fatal. Die Fanprojekte versuchen, den Jugendlichen Regeln der Gesellschaft nahezubringen. Eine Grundlage unseres Rechtsverständnisses ist, dass jemand so lange als unschuldig gilt, bis er verurteilt wird. Diese Grundlage wird bei der Verhängung von Stadionverboten ohne nachgewiesene Straftaten, nur weil man zu einer als gewaltbereit bezeichneten Gruppen gezählt wird, ausgehölt. Wir haben große Probleme, den jungen Leuten das zu erklären.
sueddeutsche.de: Wohin entwickelt sich die Ultra-Bewegung?
Gabriel: Das hängt stark vom Verhalten der Vereine, der Politik, der Polizei ab. Wir spüren in den meisten Ultra-Gruppen noch den Willen zum Dialog. Nur wenige haben sich abgeschottet. Aber man muss auch offen in die Gespräche reingehen und den Fans zuhören [...]
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sueddeutsche.de: Muss man Angst haben, dass in ein paar Jahren wieder der alte Hooliganismus auflebt?
Gabriel: Wenn die einfachen, repressiven Lösungen gesucht werden, wird sich die Gewalt auf jeden Fall nicht verringern.
[...] Unzufriedenheit der Fans? Das interessiert die Sesselpupser in den oberen Etagen doch nicht die Bohne, solange die Stadien voll sind und die Fernsehgelder eingespielt werden. Der Fan ist verkommen zum Mittel zum Zweck. Man suggeriert Offenheit für die Wünsche und Interessen der Fans, um sie real zu ignorieren. Das Spielchen wird noch eine Weile so weiter gehen, allerdings ist absehbar, dass es irgendwann zum großen Knall kommen wird. Bis dahin hat man viele, langjährige Anhänger vergrault, die sich dann auf immer und ewig in unterklassige Vereine, mit der notwendigen ECHTEN Nähe zum Fan, verabschiedet haben. Dort wird man als Bestandteil des Ganzen gesehen und behandelt, im Profi(t)- Fußball kommt man als Fan über den Status der Melkkuh schon lange nicht mehr hinaus [...]
[...] Die Anfeuerung des eigenen Teams sollte das Hauptziel eines jeden Fußball- Fans sein. Leider geht die Entwicklung deutlich in eine andere Richtung. Die Zeiten der Gänsehaut hervorrufenden Anfeuerungen und Lieder, scheint endgültig Vergangenheit zu sein. Leider. Vielmehr geht es vielen Stadionbesuchern eher darum, zu pöbeln und den aufgestauten Frust der Woche rauszulassen. Die Anonymität der Fanmasse wird dazu missbraucht. Gruppierungen, wie die s. g. Ultras, jaulen ihre einschläfernden, nichtssagenden Endlos-Langweiler vor sich hin, völlig unabhängig vom Geschehen auf dem grünen Rasen, und vor allem völlig ignorierend, wie sehr sie der Masse der Zuschauer damit auf die Nerven gehen. Diese Selbstdarstellerei ist derart unerträglich, dass man sich gar nicht weit genug von ihnen im Stadion platzieren kann [...] Diese Dödel, die nur gegen andere pöbeln, statt sich ums Anfeuern der eigenen Mannschaft zu kümmern, gehen mir gehörig auf den Sack. "Positive Kreativität" gibt es leider nur noch selten [...]
[...] Dazu fällt mir ein ... wie sagte Jürgen Klopp kürzlich in der SZ noch so schön: "Im Schutz so einer Menge gibt es immer welche, die das Umfeld nutzen, um sich zu verstecken und dann ihren Frust abbauen." Damit hat er ein Kernproblem doch gut erkannt. Die Geschlossenheit von Fangruppen, von Ultra-Gruppierungen und fest verwachsenen Fanclubs, bieten auch heute noch viel zu viele Schlupflöcher für diejenigen, die nur von 12 bis Mittag denken können [...]
[...] "Gewalt erzeugt Gegengewalt". Genau in dieser Spirale befinden wir uns nun, doch die Vereine scheinen sich bisher nicht daran zu stören. Die einzige Partei, die daraus Konsequenzen zieht, ist die Polizei. Nämlich in Form immer größerer Aufkommen an Polizeikräften bei Profispielen. Verbrechen am gegnerischen Fan sind zum Sport geworden, gegnerische Vereinsfarben und Wappen zum Hasssymbol mutiert. Das Familienerlebnis Bundesligafußball, wie er gerne von DFL und DFB propagiert wird, sind bei manchen Begegnungen eher mit kriegerischen Handlungen zu vergleichen. Es ist Zeit zu handeln [...]
[...] Und überhaupt … die Fans, gibt es die noch? So inhomogen war der Begriff selten [...]
[...] In der gesamten Gesellschaft verrohen die Sitten immer mehr, üble Beschimpfungen wie auch körperliche Gewalt sind leider weit verbreitet. Der Fußball bietet da lediglich einen Querschnitt durch die Bevölkerung und ist längst keine Insel der Glückseligkeit mehr ...
[...] wurde auf einer Konferenz am 4. Februar in Dresden für den sächsischen Freistaat durch Vereine, das Innenministerium und den Fußballverband ein deutlicher Rückgang von Krawallen in Fußball-Stadien bilanziert [...] Dahingehend oder überhaupt konkret zu beziffernde Fallzahlen des bilanzierten Berichtszeitraumes wurden allerdings nicht öffentlich vorgelegt - lediglich angeblich aktuelle Angaben zu gewalttätigen Fußball-Fans publiziert.
So habe sich deren Anzahl bei einigen Vereinen mittlerweile reduziert. Beispielsweise wären beim 1. FC Lokomotive Leipzig in der Saison 2006/2007 noch 300 Fans der "Kategorie B" gelistet gewesen, derzeit seien noch 200 erfasst worden; die "Kategorie C" enthalte statt vormals 150 noch 80 Personen. Beim FC Sachsen Leipzig werden 60 "B"'ler und 30 "C"'ler, beim FC Erzgebirge Aue 200 "B"'ler sowie 30 "C"'ler und beim Chemnitzer FC neben 80 Fans der "Kategorie B" ebenso 60 in der "Kategorie C" verortet. Sachsenweit die meisten Gewalttäter würden aus dem Umfeld der SG Dynamo Dresden stammen, mit registrierten 500 "B-Fans" und 75 "C-Fans".
[...] Die Polizei, so jedenfalls ein Fazit der Dresdner Konferenz, bleibe "in Sachsens Fußballstadien auch künftig der 'zwölfte Mann'".
[...] Erstmals existiert eine wissenschaftliche Studie, die die Fankultur der Ultras in Europa beleuchtet. Sie wurde am [...] [17. Februar 2010] bei einer Fachkonferenz mit Teilnehmern von Europarat, Polizei, Veranstaltern und Ultras im Innenministerium in Wien präsentiert. Ultras sind besonders leidenschaftliche Fußballfans, die sich nicht selten als Avantgarde sehen und fasziniert sind von der "Kultur des Anfeuerns", wie es Studienautor Gunter A. Pilz [...] formuliert.
Frauen sind in dieser Fankultur meist unterrepräsentiert. Ebenso selten gibt es Ultras mit Migrationshintergrund.
Pilz weist darauf hin, dass es keine homogene internationale Ultrabewegung gebe, auch ein offizielles Netzwerk existiere nicht. Allerdings gibt es in einigen Ländern sexistische und homophobe Schlachtgesänge als gemeinsame Merkmale. Andere Ultragruppierungen haben den Kampf gegen die Kommerzialisierung des Fußballs als gemeinsames Merkmal. In vielen europäischen Ländern stehen Ultras "ihren" Vereinen auch sehr kritisch gegenüber.
"Die Szene ist nicht gewaltfrei", konstatiert Pilz [...] In Ländern wie Italien, Spanien, aber auch in manchen osteuropäischen Staaten ist die Polizei ein erklärtes Feindbild der Ultras. In vielen Fankurven, die von Ultras besetzt werden, kann es beim Eingreifen der Polizei zu Krawallen kommen. "Für viele europäische Ultras ist das Verhalten der Polizei unverhältnismäßig und willkürlich. Sie kritisieren an der Polizei vor allem, dass sie Fußballfans wie Menschen zweiter Klasse behandeln", heißt es in der Studie [...]
[...] "Pyrotechnik lieben alle europäischen Ultras", so Pilz. Das sei kein Zeichen von Gewalt, sondern ein Stilmittel [...]
Sportwissenschaftler Gunter Pilz von der Uni Hannover gibt in seiner Studie einen Überblick über das Phänomen der Ultrakultur in Europa.
KURIER: Sind Ultras eine europaweit einheitliche Bewegung?
Gunter Pilz: Nein, die eine europäische Ultraszene gibt es nicht, auch wenn das Phänomen [...] mittlerweile in ganz Europa mehr oder weniger dominant in der Fußballfanszene vertreten ist. Es ist eine neue Art der Jugendkultur, der gesamteuropäische Altersdurchschnitt der Fans liegt um die 20 Jahre.
Sind alle Ultras gewaltbereite Fans?
Nein, sicher nicht, mehr als 90 Prozent sind nicht gewaltbereit. Aber natürlich gibt es mitunter einen kleinen harten Kern. Und es gibt oft eine falsch verstandene Solidarität, wenn etwa die Polizei gegen Einzelne vorgeht, da werden auch die Friedlichen wild.
Helfen strenge Gesetze, Verbote?
Eher nicht, ein differenzierter Blick ist wichtig. Stadion-Verbote etwa werden schnell zu Statussymbolen. Der Betroffene ist dann zwar nicht direkt beim Spiel, fährt aber trotzdem etwa zu Auswärtsspielen mit und sorgt dann im Umfeld für Wirbel. Diese sogenannten Problemfans werden damit eher noch gebündelt und näher zusammengebracht.
Sie sollen kreativ werden, statt plumpe Männlichkeitsrituale zu pflegen
Dass die Ideale der Ultra-Bewegung auf der Strecke geblieben sind, ist zu einem Großteil der Dummheit ihrer Protagonisten geschuldet. Man konnte dieser neuen Art des Fantums in ihren Anfängen durchaus wohlwollend gegenüberstehen. Auf ab und an sogar kreative Art wurde in der Kurve aufbegehrt: Gegen die vollkommene Kommerzialisierung des Spiels, gegen dumpfe, fremdenfeindliche Gesänge, die in den Kurven Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre fast schon Normalität waren. Selbst die Auflehnung gegen eine übermäßige Polizei-Präsenz in den Stadien konnte man teilweise verstehen, weil man sich als Fan auf Auswärtsfahrt zunehmend gegängelt fühlen musste. "Fußball-Fans sind keine Verbrecher" - diese Grundannahme schien bei den Ordnungskräften vielleicht auch wegen der Erfahrung des Hooliganismus nicht mehr zu gelten.
Jetzt fallen Fußball-Fans wieder zunehmend als genau das auf: als Verbrecher. Verloren gegangen ist auf den Tribünen jeder Witz, der Sinn für Ironie und leider auch die Kreativität. Der Bewegung Ultras wurde vielleicht ihr eigener Erfolg zum Verhängnis. Die Gruppen strahlten auf andere Stadiongänger eine große Attraktivität aus, weil sie anders waren, weil sie manchmal witzig waren. Nun scheint man die Masse nicht mehr bändigen zu können. Es ist falsch, den Ultras als solche Gewaltbereitschaft zu unterstellen. Dass sie sich lautstark von den Mitläufern [...] distanzieren, vermisst man aber auch [...]
[...] Die Ultras haben längst die Homogenität der Anfangstage eingebüßt, geben sich nach außen aber gerne als martialisch auftretende Gemeinschaft. Deshalb müssen sie jetzt damit leben, dass sie die Öffentlichkeit ausschließlich als Krawallmacher wahrnimmt, die ihre (post-)pubertären Stärkespielchen im Stadion ausleben, wie sie das ansonsten auf Kirchweihen machen würden. Der Laie wird da als Zuschauer keinen Unterschied machen zwischen denen, die sich ihrer Ideale noch erinnern und jenen, die von den Ursprüngen der Bewegung nicht die leiseste Ahnung haben und nur auf Krawall aus sind.
Was folgt, liegt auf der Hand: Gefordert wird noch härteres Durchgreifen, Fans müssen sich auf noch größere Einschränkungen gefasst machen. Und die, die sich vor englischen Verhältnissen fürchten, wo man mit den Hooligans auch größtenteils die Stimmung aus den Stadien vertrieben hat, werden zugeben müssen: Es geschieht zu Recht. Selbst schuld.
Die Ultras nehmen das Spiel ernst. Man kann das belächeln oder gut finden, man muss aber auch fordern dürfen, dass sie sich dieses Spiel von Idioten nicht kaputt machen lassen. Sie sollen wieder kreativ werden, statt sich über Drohgebärden und plumpe Männlichkeitsrituale zu definieren.
[...] Die Gewalt ist zurück in den Stadien, liest man jetzt. Die Kurve ist außer Kontrolle geraten. Der Mob übernimmt das Kommando [...]
Ist die Fankultur außer Rand und Band? [...] "Uns ist wichtig, dass differenziert wird", sagt Oliver Schaal [Sprecher der größten Ultravereinigung in Stuttgart, dem Commando Cannstatt]. Es gibt nicht den Fan, den Ultra oder den Polizisten: "In der öffentlichen Debatte gibt es aber leider nur Schwarz oder Weiß."
Joachim Schmid [Vorsitzender des größten VfB-Fanclubs, Rot-Weiß Berkheim], selbst Polizist, warnt vor großer Hysterie [...] Jeder einzelne Fall sei einer zu viel, aber: "Die Gewalt ist meiner Meinung nach nicht größer geworden. Heute ist das, von Ausnahmen abgesehen, insgesamt kein riesiges Problem. Die 70er und 80er Jahre waren da ganz andere Zeiten." [...]
Das Problem geht tiefer als die Frage nach Sieg oder Niederlage. Grundsätzliche Probleme beklagen einige Fans im Verhältnis mit Verband und Vereinen. Gepaart mit sportlichem Misserfolg ergibt das bisweilen eine explosive Mischung. In diesen Debatten fokussiert sich viel auf die Ultras. Die Ultra-Gruppierungen beklagen zu starke Repressionen durch die Polizei und Willkür bei der Verhängung von Stadionverboten, mahnen, dass dies dazu beitragen würde, die Atmosphäre aufzuheizen [...]
Die Einsätze werden von der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) koordiniert. Auf StZ-Anfrage teilte die Behörde [...] mit: "Aus polizeilicher Sicht verändert sich das Phänomen der Fußballgewalt. Während ein Teil der noch Anfang der 90er Jahre aktiven Gewalttäter die Szenen verlassen hat, berichten die Polizeibehörden seit 2000 verstärkt über das Auftreten der Ultra-Gruppierungen. Die überwiegende Mehrzahl der Angehörigen der Ultra-Gruppierungen wird in die Kategorie A eingestuft, jedoch deutet die Steigerung des Anteils der von freiheitsentziehenden Maßnahmen betroffenen Personen in der Altersgruppe der 14- bis 17- und der 18- bis 20-Jährigen auf deren vermehrte Teilnahme an Störerhandlungen hin."
Und weiter: "Wichtig ist, dass - auch in der Berichterstattung- zwischen der überwiegenden Mehrheit der friedlichen Fans und den im Verhältnis wenigen Gewalttätern und Störern unterschieden wird." Der Wunsch der ZIS: "Friedliche Fans und insbesondere öffentlich auftretende Fanvertreter sollten sich deutlich von Gewalt und gewalttätigen Störern distanzieren." [...]
Es gibt keine Zahlen, ob es tatsächlich vermehrt zu Störfällen kommt. Es ist mehr ein Gefühl. "Jedes bengalische Feuer wird gleich ein großes Thema in den Medien, das befeuert die ganze Entwicklung", sagt Oliver Schaal [...] "Pyrotechnik, zunehmende Gewalt, gegenseitiges Berauben und das anschließende Präsentieren der geraubten Fanartikel sind Fehlentwicklungen, die wir uns nicht wünschen und die uns zunehmend Sorgen bereiten", heißt es: "Wir werden nicht zusehen, wie sich die Fankultur von innen heraus zerstört." [...]
Am Ende sind es die friedlichen Fangruppierungen, die darunter zu leiden haben, zum Beispiel unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen und einer restriktiveren Gangart [...]
[...] Die Bilder des randalierenden Mobs haben Funktionäre wie Fanvertreter erschreckt. Es sind nicht nur Hooligans, die randalieren. Es häufen sich Vorfälle, in denen Mitglieder der Ultraszene an Gewaltausbrüchen beteiligt sind.
[...] Die Gewaltbereitschaft hat in Teilen dieser Szene zugenommen. "Wir haben eine Radikalisierung festgestellt, einige Mitglieder sind bereit, Grenzen zu überschreiten", sagt Ralf Busch, Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte (BAG) und Leiter des Berliner Fanprojektes.
Dabei haben sich die Ultras zu Beginn ihrer Entstehungszeit klar von der Hooligan-Szene und deren Gewalt abgegrenzt. Mitte der neunziger Jahre begannen sie nach italienischem Vorbild die Fankurven in den deutschen Stadien zu verändern. Losgelöst von den klassischen Fanclubstrukturen, entwarfen sie ihre eigenen Fanartikel, dichteten neue Fangesänge und lieferten mit ihren Choreografien eine farbenprächtige Kurvenshow. Die Ultras füllten ein Vakuum, das durch die Gewaltexzesse der Hooligans und der Langeweile auf den Rängen entstanden war. Gerade auf junge Leute, die neu ins Stadion kamen, wirkte diese vitale Szene attraktiv.
Neben der Gewalt verbannte die Ultra-Kultur auch weitestgehend das fremdenfeindliche Verhalten aus den Kurven, wie es in den achtziger und Anfang der neunziger Jahre noch weit verbreitet war. Zwar ist die Mehrheit der Ultras nach wie vor friedlich, doch die Ausraster Einzelner haben das positive Bild in der Öffentlichkeit beschädigt und den Druck auf die Szene erhöht. BAG-Sprecher Busch sieht die deutsche Fanlandschaft zwar weit von italienischen Verhältnissen entfernt, dennoch hat er Tendenzen ausgemacht, die ihm nicht gefallen: "Die Ultras erbeuten Schals und Fahnen der Gegenpartei oder überfallen deren Fanprojekte. Das hat es früher nicht gegeben." Außerdem hätten die Beteiligten in Berlin ein Tabu gebrochen: Sie haben den Innenraum des Stadions angegriffen – für den Fußball das heiligste Refugium.
Busch wirft den Ultras vor, nicht kritisch genug mit ihren schwarzen Schafen umzugehen. "Bei einigen ist die Selbstkritik schwach ausgebildet, die Schuld für ihr Fehlverhalten suchen sie oft bei anderen", kritisiert er. Intern würden Missstände angesprochen, doch nach außen wollen die Ultras ein geschlossenes Bild abgeben. "Hier herrscht ein Corpsgeist, der sich schwer tut, Mitglieder auszuschließen."
Für die wachsende Radikalisierung innerhalb der Szene gibt es laut Busch mehrere Gründe: Es ist eine neue Generation nachgewachsen, in der sich "junge Männer austesten wollen". Einige tragen ihren Alltagsfrust mit hinein in die Stadien. Zudem sei die Distanz zu den Clubverantwortlichen und den Spielern immer größer geworden. "Die Ultras sehen sich als konstante Größe, Spieler kommen und gehen", sagt Busch [...]
Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) sieht den Grund für solches Verhalten auch in der Fanarbeit der Vereine. "Da gibt es viel Aktionismus ohne Sinn, wenn Geld für die Bastelstuben der Ultras ausgegeben wird", sagt der Bundesvorsitzende Rainer Wendt. Er wirft den Fanarbeitern vor, Kontakt zu gewaltbereiten Fans zu pflegen. Für ihn gibt es nur einen Weg, gegen die Ausschreitungen im Stadion vorzugehen: Personengebundene Eintrittskarten, Überwachung mit Videokameras und Stadionverbote. Wendt klagt, dass die Randalierer im Fußball zu gering bestraft werden. "Wenn man mit Eisenstangen auf Order, Polizisten oder Spieler zugeht, müsste man damit rechnen, ein paar Jahre ins Gefängnis zu kommen. Aber die wissen, dass dies nicht passiert."
Mitschuld am aggressiven Verhalten einiger Fans trägt nach Meinung von Busch auch die repressive Politik der Polizei und der Vereine. "Wenn Auswärtsfahrer im Bahnhof eintreffen und sofort von einer Hundertschaft der Polizei eingekesselt werden, fühlen sie sich als Problemfans behandelt", sagt der Fanprojektleiter. Die Regulierungswut der Vereine enge zudem die Kreativität der Ultras ein, originelle Choreografien zu entwickeln.
Nach den Vorfällen von Berlin befürchtet Busch, dass sich die Fronten zwischen Fans und Vereinen verhärten. "Natürlich müssen die Vereine reagieren und den Fans die Grenzen aufzeigen. Dies nur mit Härte zu tun, ist aber nicht der richtige Weg", glaubt er. Um die Lage zu verbessern, sollten die Vereine weiter den Dialog mit den Anhängern suchen [...]
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