Die Welt blickt gebannt auf die Massenproteste gegen Ägyptens Langzeitherrscher Hosni Mubarak. Ein Stein im bunten Mosaik der Anti-Regierungsbewegung sind die Ultras der Kairoer Klubs Al Ahly und Zamalek. In den handfesten Auseinandersetzungen mit regierungstreuen Schlägertrupps und Ordnungskräften sorgen sie dafür, dass die Opposition weiterhin auf den Straßen der Hauptstadt ihren Unmut kundtun kann.
"Die Ultras haben eine wichtigere Rolle gespielt als alle politischen Parteien", verriet der ägyptische Blogger und Dissident Alaa Abd El Fattah dem Fernsehsender "Al Jazeera", und ergänzte scherzhaft: "Vielleicht sollten die Ultras das Land regieren."
Gemeint sind die organisierten Anhänger des Kairoer Traditionsvereins Al Ahly SC aber auch die seines Erzrivalen Zamalek SC. In einem autoritär regierten Land bleiben, vor allem für Jugendliche, gewöhnlich nur wenige Freiräume. James Dorsey, Journalist und Autor des Blogs "The Turbulent World of Middle East Soccer" bezeichnet den Fußball und die mit ihm verbundene Subkultur als "neben dem Islam einzige Arena im Nahen Osten, um Ärger und Frust abzubauen."
Von diesem gibt es reichlich. Dorsey beschreibt den durchschnittlichen Al-Ahly-Fan als jemanden, "der seine Einzimmerwohnung mit seiner Frau, der Schwiegermutter und fünf Kindern teilt und nur den Mindestlohn bezahlt bekommt." Fußball als Flucht vor der Realität, zumindest für wenige Stunden. Nicht selten kommt es im Rahmen von Spielen zu Zusammenstößen mit der bei der ägyptischen Bevölkerung unbeliebten - weil oft korrupten - Polizei.
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Die im Straßenkampf erprobten Ultras lieferten sich mit ihnen tagelang brutale Auseinandersetzungen und behielten letztlich die Oberhand. Sogar die Versuche des Militärs den Tahrir Platz zu räumen entpuppten sich bisher als glücklos.
Überbewerten dürfe man die Rolle der Ultras aber ebensowenig. Denn nach dem Ende der Unruhen werden Ideen weitaus gefragter sein als Fäuste.
Al Ahly: Tradition der Opposition
Offiziell bezeichnen sich die Ultras von Al Ahly als unpolitisch. Sie verweisen jedoch darauf, dass ihre Mitglieder frei in ihren politischen Ansichten sind. Das Pochen auf Meinungsfreiheit ist in einem autoritär geführten Land aber ohnehin ein ausreichendes politisches Statement.
Auch wenn die Ultra-Bewegung in Ägypten ein junges Phänomen (Ultras Ahlawy wurden 2007 gegründet) ist, kann der Klub Al Ahly selbst auf eine lange Tradition der politischen Stellungnahme zurückblicken. Der Name des 1907 gegründeten Klubs bedeutet übersetzt soviel wie "die Nationalen" und richtete sich damals explizit gegen die britische Kolonialherrschaft. Seine Widerspenstigkeit hat sich der Verein bis heute erhalten. So werden den Spielern, entgegen den FIFA-Bestimmungen, sogar politische Stellungnahmen auf dem Rasen erlaubt. Stellvertretend sei hier Mohamed Aboutrika genannt, der 2008 ein T-Shirt mit der Parole "Solidarität mit Gaza“ präsentierte.
Zamalek und der Schein der Normalität
Erzrivale Zamalek gilt dagegen als Klub des Establishments. Gegründet als Al Mohtalet (Die Mischung) stand er den britischen Kolonialherren nahe, später folgte die (erste) Umbenennung in Farouk – zu Ehren des Ägyptischen Königs, der 1952 durch einen Militärputsch gestürzt wurde. Mit dem Namen Zamalek ist der Verein heute quasi auf der sicheren Seite, verweist er doch nur auf einen Stadtteil Kairos.
Derzeit übt sich allerdings auch der bürgerliche Klub in Ungehorsam. Der Ligabetrieb wurde aus naheliegenden Gründen vom Verband ausgesetzt. Darüber hinaus wurde das mannschaftliche Training vom Militär untersagt. Zamalek versammelt seine Spieler dennoch zu regelmäßigen Übungseinheiten. Sportdirektor Hassan Ibrahim stellt bei mangelnder Disziplin sogar Geldstrafen in Aussicht. Nur für diejenigen, die wegen der Ausgangssperre nicht nach Kairo kommen können, wird eine Ausnahme gemacht.
Die krampfhafte Versuche, den Anschein eines normalen Alltags aufrechtzuerhalten, spielen wahrscheinlich dem Noch-Machthaber Mubarak in die Hände. Angesichts der zahlreichen Fans von Zamalek, die ebenfalls für ein Ende der nun schon 30 Jahren andauernden Herrschaft eintreten, wirkt das Verhalten des Vereins aber doch etwas eigenartig.
Das vielleicht gewalttätigste Derby der Welt
Derbys der beiden Kairoer Mannschaften, die gleichzeitig auch zu den erfolgreichsten des Kontinents zählen, gelten als hitzig. Kenner wie James Dorsey beschreiben das Duell als das gewalttätigste Derby der Welt: "Auf und neben dem Rasen hat es zu Tod, Zerstörung und zumindest einmal in den frühen 1970er Jahren auch zur Absage der Liga geführt."
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Revolutions-Prophylaxe in Libyen?
Die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm? Vielleicht, denn längst haben auch andere Autokraten das gefährliche Potential der im Stadion versammelten Masse erkannt. So ließ der libysche Diktator Muammar Gaddafi bereits vorsorglich den Ligabetrieb in seinem Land aussetzen.
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